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Interview Dr. Kampmann

Dr. Stefan Kampmann, CTO von OSRAM, spricht über neue Technologien, zukünftige Wachstumsfelder und den Mut, Neues auszuprobieren.

Dr. Stefan Kampmann
Der Diplom-Physiker ist seit Juli 2016 Chief Technology Officer (CTO) der OSRAM LICHT AG.

Häufig wird von Licht als Schlüsseltechnologie der Zukunft gesprochen. Was heißt das für ein Unternehmen wie OSRAM?

Bisher hat sich OSRAM als Komponentenhersteller verstanden, der traditionelle Lampen wie die Glühbirne über Jahrzehnte hinweg produziert, verkauft und stetig besser gemacht hat. So eine Tradition macht stolz, aber irgendwann geht es bei so einem Geschäftsmodell nur noch darum, in kleinen Schritten die Qualität zu verbessern und vielleicht mal drei Prozent Kosten einzusparen. Im Grunde war dies vor allem ein Ersatzgeschäft. In den neuen Geschäftsfeldern geht es aber um viel komplexere Themen wie Lichtsysteme oder Licht als Service, in denen sich ganz andere Geschäftsmodelle entwickeln lassen.

Zum Beispiel?

Im Automobilbereich verkaufen wir nicht nur Lichtquellen, sondern auch Lichtmodule und Lichtsysteme. In Zukunft wird Licht immer stärker mit der Bordelektronik des Autos kommunizieren. Das bedeutet aber auch einen steigenden Anteil von Software-Lösungen, so dass wir unsere Produktpalette hier von einzelnen Komponenten über Lichtmodule in Richtung Systeme entwickeln. Dann gibt es auch vollkommen neue Anwendungsfelder wie Wasseraufbereitung durch Entkeimung mit UV-Licht. Diesen Prozess müssen wir aber erst einmal grundlegend verstehen und dafür auch mit anderen Disziplinen zusammenarbeiten – etwa mit Biologen, die wissen, welches das ideale Licht für die Entkeimung ist, und mit Betreibern der Wasserversorgung, um auch die Einsatzbedingungen zu verstehen. Dieser Ansatz ist für einen reinen Komponentenentwickler wie OSRAM neu.

„Wir haben in der Firma Freiräume geschaffen, die es uns erlauben, Ideen schneller voranzutreiben.“

Dr. Stefan Kampmann

Sie suchen also nach Kooperationspartnern für neue Geschäftsfelder?

Wenn Sie bei einem klassischen Komponentenentwickler sind, haben Sie häufig mit gewissen Ängsten zu tun, wenn nicht der komplette Prozess im Unternehmen stattfindet – da wollen Sie allein wegen des Wettbewerbs das gesamte Know-how im Haus haben. In den neuen Feldern müssen Sie aber schauen, wer über das Wissen verfügt, um eine neue potenzielle Anwendung zu entwickeln und marktreif zu machen. Wenn wir Neues entdecken und entwickeln wollen, brauchen wir auch ein neues Verständnis darüber, was beruflichen Erfolg ausmacht. Damit meine ich vor allem den sprichwörtlichen  „Mut  zum Scheitern“. Es muss erlaubt sein zu scheitern, wenn man daraus schnell lernt.

Wo treibt die Digitalisierung das Geschäftsmodell von OSRAM voran?

Ich gebe ein Beispiel aus dem Bereich Lichtsysteme: Im Grunde können Sie schon aus jeder Straßenleuchte zusätzliche Geschäfte generieren. Straßenleuchten gibt es in jeder Stadt. Sie sind mehr oder weniger gleichmäßig aufgestellt und mit Strom versorgt. Hier können Sie elektronische Sensoren integrieren, die erkennen, ob sich dort Menschen bewegen oder wie viele Autos an einer bestimmten Stelle geparkt sind. Die daraus entstehenden Daten könnten Sie zum Beispiel nutzen, um freie Parkflächen anzuzeigen. Bei Gebäuden ist es ähnlich. Wenn Sie in Gebäuden an die Decke schauen, haben Sie überall Lichtquellen. Wenn Sie in jeder LED-Leuchte auch einen Sensor verwenden würden, könnten Sie zum Beispiel mit einem einfachen Annäherungssensor erkennen, wo sich die Menschen über den Tag verteilt befinden, und damit zum Beispiel die Nutzung von Büroflächen verbessern oder Einkaufszentren optimal gestalten.

Wie gehen Sie solche Geschäftsmodelle an?

Wir haben in der Firma Freiräume geschaffen, die es uns erlauben, Ideen schneller voranzutreiben. Konkret haben wir die FluxUnit ins Leben gerufen. Das ist eine Art Inkubator für interne, aber auch für externe Themen, bei denen wir der Meinung sind, dass es eine gewisse Nähe zu OSRAM gibt. Und dort versuchen wir, diese Themen zu unterstützen, damit sie sich in der Anfangsphase zunächst entwickeln können.

Damit verlassen Sie das traditionelle Geschäft.

Genau. Die Frage ist nur, wie weit man vorstößt – ob man das zum eigenen Geschäftsinhalt macht oder mit Partnern eine gemeinsame Lösung sucht. Wir wissen nicht, welche Umwälzungen die Digitalisierung in den kommenden Jahren noch mit sich bringen wird. Aber wir wissen, dass es hier große Marktpotenziale für uns gibt. Es geht darum, Dinge auszuprobieren und Neues zu wagen. Ob wir in Zukunft mit Big-Data-Analyse unser Geld verdienen oder nur Lichtquellen und Sensoren herstellen, die diese Daten abliefern, muss sich erst herausbilden. Wichtig aber ist: Wir müssen heute schon über die Themen von übermorgen nachdenken. Und das ist der ganz große Unterschied zur traditionellen Lichtwelt von früher.

Absehbar ist ja bereits, dass der Bereich Assistenzsysteme im Auto bis hin zum Autonomen Fahren enormes Wachstumspotenzial hat. Wie gehen Sie hier vor?

Da geht es für uns im Wesentlichen um Elektronik und Software-Algorithmen. Ein erster Schritt sind unsere modernen Lichtsysteme auf Basis halbleiterbasierter Lichtquellen. In diesen Systemen gibt es zum Beispiel ein Kamerasystem, das den Gegenverkehr misst und dann gezielt den Frontscheinwerfer an den entgegenkommenden Autos vorbeisteuert. Diese Systeme ermöglichen somit nicht nur eine höhere Helligkeit als traditionelles Autolicht, sie sorgen auch dafür, dass der Gegenverkehr nicht geblendet wird. Des Weiteren bieten wir Laserlicht-Quellen für Sensorsysteme, die das Autonome Fahren ermöglichen.

Welche Rolle spielen andere Lichtwellen wie Infrarot für Sie?

Das ist ein Thema, das wir in der Consumer Electronics verstärkt einsetzen. Hier geht es um die Erkennung von Gesten, den Scan der Iris und andere Themen, die neue Funktionalitäten in Smartphones oder Spielekonsolen eröffnen. In einigen Jahren werden zum Beispiel die meisten Smartphones mit dem Iris-Scan entsperrt werden. Sie sehen, das ist ein sehr spannendes Thema – vor allem, da in diesem Bereich sehr hohe Stückzahlen generiert werden. Wir sehen vor allem auch in der Augmented Reality – also der Verbindung von Smartphone-Display und Realität – große Chancen, weil man dort unsere Technologie gut einsetzen kann, um die Genauigkeit der Systeme zu optimieren.

„Wir sind immer noch ein Licht-Unternehmen. Aber eben eine High-Tech Light-Company.“

Dr. Stefan Kampmann

Bei einem Projekt mit BMW testen Sie in der Fertigung die Kommunikation über Licht. Können Sie sagen, wie hier zukünftige Cases aussehen könnten?

Die Lichtkommunikation hat natürlich den Vorteil, dass die Grundinfrastruktur dank bereits montierter Leuchten schon existiert. Über die Deckenleuchten könnten Sie Informationen übertragen und damit kommunizieren. Licht hat den Vorteil, dass es sich sehr gerade ausbreitet. Das heißt, überall dort, wo Sie einen Sender und einen Empfänger auf einer klaren sichtbaren Linie miteinander verbinden, können Sie sehr effizient und auch für die Übertragung hoher Datenraten Licht verwenden. Das ist für die Fertigung unter dem Schlagwort Industrie 4.0 ein interessanter Punkt, wo man ausprobiert, wie man Maschinen miteinander kommunizieren lassen kann. Genauso ließe es sich aber bei der Kommunikation als Ersatz für WLAN einsetzen, weil unsere Smartphones immer stärkere Datenraten brauchen, die sich über die klassischen Systeme irgendwann nicht mehr abdecken lassen.

Wie wollen Sie diese Technologien umsetzen?

Wir müssen bei OSRAM noch mehr kommunizieren wir müssen noch schneller kommunizieren und wir müssen noch schneller Entscheidungen treffen. Und dafür brauchen wir etwas, das ich „Respektvolle Respektlosigkeit“ nenne. Wir müssen eine Vertrauensbasis schaffen, die es uns erlaubt, auf der Basis dieses Vertrauens in der Sache Dinge klar adressieren zu können, die sonst als persönlicher Angriff oder Diffamierung gelten würden. Wenn ein Team ein gewisses Grundvertrauen hat, kann es auch wesentlich klarer unterschiedliche Perspektiven auf den Tisch werfen und schneller zur richtigen Lösung kommen.

Was für ein Unternehmen wird OSRAM in Zukunft sein?

OSRAM hat mit dem Verkauf des Lampengeschäfts seinen Wandel zu einem Technologiekonzern stark vorangetrieben. Ich verstehe natürlich, dass sich der eine oder andere nun fragt: Für was steht OSRAM denn heute noch? Bei einer Glühlampe war das schon verdammt einfach, ich musste nur eine Glühlampe hinhalten und sagen: Das sind wir. Heute ist OSRAM ein Unternehmen, das mit seinen drei strategischen Säulen klar positioniert ist. Wir sind immer noch ein Licht-Unternehmen. Aber eben eine High-Tech Light-Company, die mit Innovationen aus LED-Komponenten, Lichtsystemen und Lichtservices aus einem Haus stärkere Wachstumschancen hat als in der Vergangenheit.

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